Halbweise – der Podcast

Themen gibt es wie Sand am Meer – wir picken uns jede Woche welche heraus. Am Ende der Reise wissen wir, wer wir wirklich sind: aufgeschlossene, moderne Freigeister, ewig Junggebliebene oder doch nur grantige alte Männer? Oder vielleicht irgendwas dazwischen? Auf jeden Fall immer: Halbweise!

Schlagwort: gesellschaft

  • Verbal retten

    Hier ist wieder Holger, der nun auf den Beitrag von Alex eingeht. Ich wollte erst nicht, aber wenn man erstmal ins Nachdenken und in Schwung kommt…
    Hinweis: Der folgende Beitrag sollte aufmerksam und vollständig gelesen werden, bitte keine voreiligen Schlüsse ziehen!

    Klar: Durch Schönrederei kann man sich alles hindrehen, wie es einem am besten passt. Und wenn man das noch mit „Glück“ betitelt, dann ist man sogar fein raus. Und man selbst kann natürlich nix dafür oder ändern, was man beklagt, das müssen dann schon andere machen.
    In die Politik? Da müsste man ja noch mehr Kompromisse eingehen, als man eh schon von anderen erwartet. Nein, das sollen auch mal besser andere machen. Man sagt denen dann, was „das Volk“ fordert und die gefälligst umsetzen sollen. Ach nee; das Volk weiß gar nicht, was es will, die sind ja alle dumm, faul und verwöhnt (stimmt vielleicht sogar zum größten Teil, ist aber ein anderes Thema). Also sollte man das ganze System ändern. Äh, Moment: Man muss dringend fordern, dass jemand das System ändert. Aber flott, „wir“ warten!

    Okay, Schluss mit der sarkastischen Überspitzung. Dennoch möchte ich die ein oder andere Aussage von Alex beleuchten: Wenn man „einer der wenigen“ ist, der eine gewisse Meinung vertritt, dann muss man vielleicht akzeptieren, dass es sich um eine Mindermeinung handelt, die nicht durch die Menge bestätigt wird. Ob gut oder schlecht, ehrenwert oder weltrettend, das spielt (leider) keine Rolle: Es zählt, was die Mehrheit will bzw. macht. Und vielleicht kann man sich selbst überprüfen: Liege ich richtig mit meiner Meinung, mit meiner Einstellung? Was will ich wirklich?
    Wenn man „die Leute“ fragt, dann wollen alle die Welt retten und was gegen den Klimawandel etc. tun. Aber man sollte sich hüten, die gleichen Leute zu fragen, was sie denn selbst TUN, um diese Ziele zu erreichen. Und wehe, das kostet Geld! Alex hebt sich da nicht von der Masse ab. Er will doch nur seinen Alltag (er)leben, ohne viel Aufwand zur Arbeit und zum Einkaufen kommen, dem Nachwuchs „was Gutes“ tun, Abends mit der ein oder anderen Serie entspannen und ansonsten bitte nicht zu viel Unbequemlichkeiten in den Weg gelegt kriegen. Änderungen sind doof.
    Hart? Vielleicht. Aber: So ist das eben. So ist der Mensch, besonders der Europäer.

    Wisst ihr, warum das so ist? Dazu schwenke ich mal etwas ab:
    Tja, der Europäer hat es, natürlich betrachtet, gar nicht so gut: Es ist hier oft so kalt, das man ohne Fell ziemlich schnell friert. Im Winter gar kann man in seiner Hütte schon gar nicht überleben. Es ist lange dunkel, es wachsen keine Früchte, Beeren und Gemüse, das Wild macht sich rar oder will einen selber fressen. Da muss man sich was einfallen lassen. So entstanden dann Dinge wie: Landwirtschaft, „Vernünftige“ Kleidung, festes Schuhwerk, Betten und Möbel, Feuerwaffen, Öfen, Straßen, Vorratskammern, Handel, Industrie, Autos und Atomkraftwerke.
    (Achtung: folgender Text soll keine Abwertung sein sondern eine Feststellung!) Der Afrikaner sah für all das nie eine Notwendigkeit. Es ist immer ausreichend warm, man bewegt sich besser nicht mehr als notwendig, um besser mit seiner körperlichen Energie zu haushalten und kann dann auch mit relativ wenig Nahrung zurecht kommen, die dann auch immer ausreichend vorhanden ist, wenn man sich bemüht. So lebt man sein Leben und muss nix ändern, improvisieren oder neu erfinden. Man kann ewig genau so weiterleben, ohne irgendwas zu ändern, im Einklang mit der Natur.
    Wenn da nicht der Europäer in seiner ebenso ewigen Ressourcen-Gier bis nach Afrika (und noch weiter!) käme und alles durcheinander brächte. Das Leben in der Kälte braucht halt Energie und weil E=mc hoch 2 ist, braucht der Europäer vielviel Energie für seine relativ geringe Masse. (Jetzt stehen da mit aussortierten T-Shirts bekleidete Afrikaner in unserem Wohlstandsmüll und suchen nach einer Steckdose, um ihr Smartphone zu laden. Welch ein Gewinn.)

    Sind wir noch beim Thema? Mehr denn je: Wegen all dem gibt es heute sowohl Plastikverpackungen als auch Menschen, die sich an Straßen kleben. Da kann keine politische Wahl was dran ändern. Und wenn ich so an vergangene Halbweise-Beiträge denke, dann ist das alles so wie so nichts neues. Das: Klick schrieb ich hier vor zwei Jahren…

    Achso: Über den Beitrag von Daniel lasse ich mich nicht weiter aus, der bekommt ein sanftes Kopfnicken von mir und den Tipp, ruhig mal zu polarisieren und vielleicht mal überdeutlich auf den Punkt zu kommen 😉

  • Wovor wollen wir Deutschland eigentlich retten?

    Nicht wundern, hier schreiben heute weder Holger, noch Alex. Mein Name ist Daniel, der Betreiber von hosentaschenblog.org . Holger hat mich kürzlich in einer E-Mail dazu aufgefordert, an seiner Stelle auf Alex letzten Beitrag zu antworten, was ich gerne angenommen habe. Ich hoffe mit meiner eigenen, sicherlich auch unerwarteten, Sichtweise etwas von der Würze einzubringen, von der die beiden zuletzt noch geschrieben haben. Auf jeden Fall weiß ich das mir entgegen gebrachte Vertrauen zu schätzen. Wie viel davon am Ende des Beitrags noch übrig ist, werden wir dann ja sehen! 🙂

    Alex schreibt in seinem Beitrag Ist Deutschland zu retten von neuen Impulsen, einer Generalüberholung. Einem Extrem am Rand das wir benötigen. Einem Aufrüttler also, der die Gesellschaft dazu bringen soll aufzuwachen und die vielen Probleme anzugehen von denen wir zwar alle als Kollektiv – als Individuum aber nur mal mehr, mal weniger betroffen sind.

    Baustellen gibt es sicherlich genug, dass diese sich durch Extreme beseitigen lassen wage ich zu bezweifeln.

    Die Forderung nach Extremen ist, in meinen Augen, nichts anderes als eine Forderung nach schnellen und einfachen Antworten. Nach Lösungen die eher den eigenen Vorstellungen entsprechen, und der Komplexität einer Demokratie nicht gerecht werden. Mit Blick auf unsere international vernetzte Gesellschaft, die ihren Reichtum aus dem Im-/Export schöpft, sehe ich da mehr Probleme als Lösungen.

    Was Alex da so provokant in den Raum stellt soll aber eher Aufmerksamkeit schaffen, soll Missstände offenlegen und Menschen dazu bringen, die Initiative zu ergreifen und sich mit ihnen auseinandersetzen.

    Die Frage die ich mir dabei stelle ist, will das denn jeder? Inwiefern muss man sich denn in einer Demokratie überhaupt einbringen? Reicht es denn nicht einmal alle vier Jahre zwei Kreuze zu machen?

    Und von welchem Extrem spricht er denn überhaupt? Alleine den Begriff in die Runde zu werfen reicht in Deutschland ja schon, um in die rechte Ecke gestellt zu werden. Und wie extrem muss die Wirkung sein, um sowohl auf Seiten des kleinen Bürgers, als auch innerhalb der Elite gleichsam seine Wirkung zu entfalten?

    Ich glaube eines dieser Extreme lautet Chancengleichheit. Als Beispiel würde das bedeuten dass Armut kein Hindernis mehr wäre, wenn es um Bildung und Selbstverwirklichung geht.

    Ein weiteres Extrem wäre sicher der Wandel von einer industriell geprägten Gesellschaft, hin zu einem Kollektiv dessen Zufriedenheit, Gesundheit und Einklang mit der Natur im Mittelpunkt stehen.

    Das Grundeinkommen für alle. Versuche in anderen Teilen der Erde haben gezeigt dass Menschen ohne den Zwang Arbeiten zu müssen eigene Projekte verwirklicht, neue Arbeitsplätze geschaffen haben.

    Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Würden diese Extreme unsere Gesellschaft positiv verändern, oder würden sie eine weitere Spaltung eher begünstigen?

    Ich glaube ja, weil der Mensch nichts tut wenn er nicht muss. Weil er nur schmerzlich aufgibt, was er aus eigener Hände Arbeit geschaffen hat. Weil es genug Schmarotzer gibt, die es sich wie Maden im Speck gut gehen lassen. Weil die Zeit es hergibt. Aber dieses Fundament bröckelt.

    Jedes Jahr ziehen wir neue Menschen heran die Sprachprobleme haben, nicht richtig rechnen und schreiben, aber Handys bedienen können. Es gehen weiterhin Existenzen an Bürokratie zugrunde. Mehr und mehr künstliche Restriktionen werden geschaffen, nur um Profite zu erwirtschaften. Diese füllen zwar einzelnen die Taschen, schaden Gesamtgesellschaftlich aber mehr als sie nützen.

    Sicher brauchen wir einen Wandel. Es reicht dabei aber nicht ein Extrem gegen ein anderes zu tauschen. Dieser Wandel kommt auch nicht von heute auf morgen, und in manches Haus zieht er sicherlich nie.