Halbweise – der Podcast

Themen gibt es wie Sand am Meer – wir picken uns jede Woche welche heraus. Am Ende der Reise wissen wir, wer wir wirklich sind: aufgeschlossene, moderne Freigeister, ewig Junggebliebene oder doch nur grantige alte Männer? Oder vielleicht irgendwas dazwischen? Auf jeden Fall immer: Halbweise!

Schlagwort: gesellschaft

  • Daniel | Weihnachten

    Achtung! Wenn Sie Weihnachten lieben sollten Sie vielleicht bis kommende Woche warten. Dann wird nämlich Holger seinen Beitrag veröffentlichen, der dürfte Ihnen sicher besser bekommen als dieser hier. Sagen Sie nicht ich hätte Sie nicht gewarnt.

    Wie bereits vor ein paar Tagen angekündigt, obliegt mir die Ehre das diesjährige Weihnachtsspecial auf halbweise.de mit meinem Beitrag zu eröffnen. Die Idee dazu kam von Holger, während wir drei über das nächste anzugehende Thema beratschlagten. Hier ein Auszug des Schriftverkehrs, darin wird auch die Aufgabenstellung klar definiert:

    Wir machen jetzt erst ein Special „Weihnachten“. Ohne weitere Vorgaben schreibt jeder von uns auf, was ihm dazu einfällt oder wichtig ist.“

    Um eines gleich vorweg zu nehmen; die einzigen beiden Dinge die mir an Weihnachten gefallen, sind Spritzgebäck und der Kleine Lord. Ich bin mir nicht ganz sicher, hoffe aber dass ich mich wenigstens in dieser Sache von den beiden anderen absetze. Zumindest unsere bisherigen Beiträge ließen erkennen, dass wir in einigen Dingen aus dem selben Holz geschnitzt sind. Um so spannender finde ich dass unsere Beiträge mit zeitlichem Abstand veröffentlicht werden.

    Denke ich an Weihnachten, fallen mir vor allem Schlagworte wie Energie ein. Klimawandel, Einsamkeit, Müll, Konsum, Coca Cola, oder Massentierhaltung. Sie erkennen in welche Richtung es beim heutigen Artikel geht?

    Ich kann gar nichts dafür, die Dinge haben sich eben im Laufe der Jahre so entwickelt. In meiner Meinung bestärkt haben mich nicht nur Klimadebatten, sondern auch ein ungefilterter Blick auf den ganzen Zirkus, welcher um die Feiertage veranstaltet wird. Auch nicht förderlich ist sicherlich, dass man heutzutage Weihnachtsgebäck schon im September kaufen kann. Bis der 24.12. dann endlich mal da ist, ist vieles von der Weihnachtsstimmung bereits verschlissen, wenn aufgrund von Schneemangel überhaupt welche aufkommt. Wären da nicht der Baum, die Lichter und die Musik, wäre der „Heilige Abend“ nicht viel anders als die üblichen Festlichkeiten. Schlimmer noch, nur kurze Zeit später steht man ja schon wieder in den Startlöchern, nämlich um den nächsten Anlass gehörig auszuschlachten.

    Und wen oder was feiert man da überhaupt, am Fest der Liebe? Die Geburt Jesus Christus? Also nach christlicher Auffassung den Sohn Gottes, dessen weltlicher Verein mehr und mehr unter den etlichen Skandalen, wie etwa Kindesmissbrauch, und dem damit einhergehenden Verlust von Mitgliedern leidet. Oder doch lieber einen fetten, weißen alten Mann, dessen Aussehen maßgeblich aus der Feder eines amerikanischen Konzerns stammt, der jährlich Milliarden mit dem Umsatz von krankheitsfördernden und, verpackungsbedingt, umweltverschmutzenden Süßgetränken verdient? Und warum werden Kinder immer noch belogen wenn es um die Herkunft der Geschenke geht? Das neue Handy kommt nicht durch den offenen Kamin, ihr habt gar keinen. Das wird bei Amazon bestellt und von überarbeiteten Menschen ausgeliefert, die heutzutage nur noch selten gut Deutsch sprechen und zum Dank auch noch schlecht bezahlt werden. Und dann noch dieser unerträgliche George Michael, der Mann ist mitverantwortlich für den Song Last Christmas. Ein toller Mensch, aber den Schnitzer hätte er sich wirklich sparen können.

    Als kleiner Bub lagen die Dinge bei mir natürlich noch etwas anders. Da war man auf einer Seite Profiteur, aber eben auch jung und blind. Diese Dinge waren auch oftmals noch anders als heute, allerdings selten besser. Meine Oma hatte immer für die ganze Familie gekocht, was sicherlich sehr aufwendig war. So saßen wir bestimmt mit zwanzig weiteren Menschen, meine Mutter hat sechs Geschwister, am Tisch und machten uns über eine schöne Pute, Rotkraut mit Kartoffeln, Pudding und all die anderen Leckereien her. Wenn man dann satt und alles aufgeräumt war, als Kind genoss man die vorteilhafte Position nichts tun zu müssen, versammelte man sich mit den Cousins und Cousinen gemeinsam vor der Tür, welche ins Wohnzimmer führte. Diese besteht auch heute noch aus einem Holzrahmen und geriffeltem Glas, welches das Lichterspektakel ungemein befeuerte und die Kinder noch aufgeregter machte. Es wurde weihnachtliche Musik gespielt, man stand artig in einer Reihe und wartete ungeduldig darauf dass sich endlich die Tür öffnete und den ersten Blick auf die riesengroße, liebevoll geschmückte Krippe freigab. Die Geschenke waren nützlich, Wegwerfprodukte gab es keine. So erinnere ich mich noch immer an einen roten Plattenspieler welcher uns viele Jahre treu blieb. Zusätzlich waren wir arm wie die Kirchenmäuse. Zumindest meine Mutter, weshalb man sich an Weihnachten um so mehr über neue Dinge freute, die natürlich lange halten sollten.

    Die Feste laufen heute nicht viel anders ab. Meine Frau gibt sich die größte Mühe uns etwas leckeres auf den Tisch zu bringen, was ihr selbstverständlich auch gelingt. Zumindest Anfangs noch wurden die Kinder gezwungen, mindestens zwei Lieder zu singen ehe es losgehen konnte. Danach findet man sich wie immer bei der Schwiegermutter ein, wo die anderen schon auf einen warten, um sich im Kollektiv den Bauch vollzuschlagen.

    Sind Sie noch da? Vielleicht wird es Zeit für einen Lebkuchen und eine Tasse Glühwein. Trinken Sie ihn ruhig, Sie werden die Wärme noch brauchen.

    Soweit also alles wie immer. Nur dass wir unseren Kindern schon sehr früh nichts mehr vom Weihnachtsmann erzählt haben. Sie durften sich oft aussuchen was sie haben wollten, es gab immer Geschenke von denen sie das ganze Jahr etwas haben würden. Zum Beispiel wurden wir von vielen Seiten dumm beäugt weil wir unseren Kindern Wanderrucksäcke geschenkt hatten. Und nicht, wie den Plagen der Beäuger, das neueste Handy oder andere Dinge von zweifelhaftem Wert. Die Rucksäcke existieren im übrigen auch heute noch, die Kinder haben sie geliebt. Und, sie haben gelernt Dinge wertzuschätzen. Dieses Wissen scheint leider zwischenzeitlich gelitten zu haben.

    Auch hat es lange gedauert bis meine Frau und ich uns auf ein Maß an Weihnachtsbeleuchtung geeinigt hatten, mit dem wir beide leben konnten. In meinen Augen verbraten wir in der Weihnachtszeit einfach nur einen Haufen Energie den wir gut an anderer Stelle gebrauchen könnten. Aber ok, es gibt einfach Dinge, die kannst du nicht ändern. Den Baum auszuwählen war immer eine besondere Herausforderung. Ich frage mich überhaupt warum ein Baum sterben muss damit wir was zu feiern haben. Aber ok, es gibt einfach Dinge, die kannst du nicht ändern. Jedenfalls gab es immer was zu meckern. Die Spitze ist krumm, die Äste zu dicht, dies das jenes. Daraus entstand richtiger Streit, bis ich mich weigerte überhaupt einen Baum aussuchen zu gehen. Seitdem ist jeder Baum den ich Heim schleppe der schönste Baum von allen, egal wie schief und ( meist zu ) groß der ist.

    Es gibt also eine Menge Gründe welche dafür sprechen, den ganzen Klimbim getrost zu ignorieren und mit der eigenen Zeit etwas wirklich sinnvolles anzufangen.

    Andererseits, es ist ja auch nicht alles schlecht. Ich erwähnte bereits den Kleinen Lord und das Spritzgebäck. Es sind aber auch die paar freien Tage die ich gemeinsam mit meiner Frau verbringen kann. Wir haben Zeit, können uns austauschen und uns daran erfreuen dass wir schon so viele Feste gemeinsam verbracht haben. Ist ja auch keine Selbstverständlichkeit mehr. Wenn es noch Weihnachtsgeld gibt kann man sich selbst auch mal etwas gönnen, Dinge die vielleicht sonst hinten anstehen. Mit zunehmendem Alter kommt es ja auch mehr und mehr auf den Genuss an, das Materielle rückt in den Hintergrund.

    Man kann den ganzen Zauber so vielfältig nutzen. Zum Beispiel sich mal kein schlechtes Gewissen machen lassen. Sie dürfen und sollten unbedingt Geld an Bedürftige spenden, Sie müssen es aber auch nicht. Sie werden, wie so viele andere auch, das ganze Jahr genug geackert haben und dürfen mal an sich selbst denken. Lesen Sie, genießen Sie die Stille, tun Sie worauf immer Sie Lust haben. Hauen Sie sich unbedingt den Bauch voll. Es wurde viel Energie nur dafür verbraten und ein Lebewesen musste sterben, wenigstens das sollten Sie wertschätzen. Lachen Sie. Schauen Sie in die Runde und fragen Sie sich dabei: Wo wäre ich jetzt ohne die? Sollte sich plötzlich das gute Gefühl breit machen am richtigen Platz zu sein, haben Sie ihr Ziel erreicht. Sollte sich herausstellen, dass Ekel die dominierende Emotion ist, sollten Sie sich wiederum eingestehen dass Sie sich selbst, aber auch die anderen, nur belügen und umgehend das nächste Lokal ansteuern.

    Für was auch immer Sie sich entscheiden, ich wünsche Ihnen aus ganzem Herzen eine schöne Zeit. Vieles ist halt wie es ist und die Dinge werden leichter wenn man über sie lacht. Es gibt Menschen die Sie lieben, auch wenn Sie offensichtlich und im Gegensatz zu mir an allem was zu meckern haben. Alleine für die sollte man am 24.12. aufstehen und sein schönstes Lächeln auflegen. Weil solche Menschen es wert sind, weil sie einem das ganze Jahr beistehen. Und weil scheiß Weihnachten nun mal eben das Fest der Liebe ist.

    Hier noch, passend wie ich finde, das Adventsgedicht von Loriot. Beachten Sie bitte die zwei brennenden Kerzen im Hintergrund, diese wollen Ihnen etwas sagen.

  • Daniel | Wahrscheinliche Stromausfälle und der damit einhergehende Untergang der Zivilisation

    Was habe ich mir da nur eingebrockt, diesen Vorschlag zu machen?! Stromausfälle, Weltuntergang.. schon eine gewisse Zeit schiebe ich diesen Beitrag vor mir her. Heute ist Abgabetermin, heute wird geliefert. Gut, was schreibe ich also? Orientiere ich mich, wie zunächst gedacht, an den Befürchtungen der Bundesregierung, Deutschland könne im Winter aufgrund der schwierigen Lage Black Outs erleben?

    Oder klammere ich den aktuellen Konflikt gänzlich aus, betrachte die Dinge eher aus einer Perspektive wie ich sie davor gehabt hätte? An welchen Beispielen orientiere ich mich, welche Botschaft will ich überhaupt transportieren? Fragen über Fragen. Ohne Anfang kein Ende, also werfe ich meine Argumente in die Runde und schaue was mir am Ende bleibt. Fast befürchte ich es werden mehr Fragen als Antworten sein. Wir werden sehen.

    Passend zu diesem Thema habe ich noch im Frühjahr einen Beitrag über einen Russen gesehen, der in seiner Region Menschen interviewt hat und deshalb flüchten musste. Er hat einen Mann gefilmt, der ein paar ganz interessante Aussagen getroffen hat. „Der Westen ist nichts ohne Strom, wie die Mäuse würden die Leute sterben ohne ihn.“ So oder so ähnlich waren die Worte, frei aus dem Gedächtnis. Solche Aussagen kamen westlichen Medien natürlich ganz recht, um Stimmung gegen Hinterwäldlerische Russen zu machen und somit die eigenen Argumente zu stärken. Hatte der Mann damit aber ganz unrecht?

    Unser gesellschaftliches Leben basiert auf ständiger umfassender Stromversorgung, ohne sähe es vermutlich wirklich und sprichwörtlich, ziemlich Dunkel aus.

    Der Morgen würde vermutlich schon damit beginnen dass wir verschlafen würden, denn analoge Wecker gibt es kaum noch und Handys würden ja nicht mehr geladen werden. Den ersten Kaffee könnte man haken, denn woher käme das kochende Wasser? Den Morgenschiss könnte man nicht wegspülen, weil die Wasserversorgung lahm läge. Vermutlich könnten viele danach sofort wieder ins Bett, denn zumindest im Winter wäre es ziemlich kalt und mit Arbeiten wäre für die meisten eh Essig. Computer brauchen Strom, genauso wie Maschinen. Es würden sich ganz neue System-relevante Berufe herauskristallisieren.

    Aber auch dieser Luxus würde bereits nach wenigen Tagen wegfallen. Spätestens nämlich dann, wenn man sich in einem Kampf um Leben und Tod wiederfinden würde. Es liefert einem kein Lieferdienst mehr das Essen nach Hause, man kann es gar nicht bestellen. Man würde also anfangen Schlange zu stehen. Vor Supermärkten, vor der Tafel, an öffentlichen Ausgabestellen. Vermutlich beäugt von schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten, denn immer wieder würden Menschen versuchen einen Großteil der knappen Lebensmittel für sich zu beanspruchen. Es würde rationiert, geraubt, getauscht werden.

    Man müsste schauen woher man Informationen bezieht, denn das Radio bliebe stumm, genauso wie all die anderen Informationslieferanten.

    Die Gesellschaft käme ohne Strom tatsächlich sehr schnell zum erliegen. Und wir könnten das noch nicht einmal mit anderen teilen, denn das Internet geht ja plötzlich auch nicht mehr. Wobei das ja ohnehin Unsinn wäre, da wir die Situation ja alle gleichermaßen durchleben, teilen, würden… Oder etwa nicht? An diesem Beispiel zeigt sich, die Menschen würden auch psychisch sehr stark leiden. Viele sind mit digitalen Diensten groß geworden und habe diese stark in ihren Alltag integriert. Wehe die fallen plötzlich weg.

    Kein Wasser kochen, kein Licht anschalten zu können oder ohne Kühlschrank da zu stehen ist das eine. Zu sehen wie Smartphone, Auto und all die anderen Dinge die uns Freiheit versprechen, plötzlich wertlos werden, das andere. Das eine füllt den Bauch, das andere die Köpfe.

    Das es zu Stromausfällen kommt ist ja nichts Neues, hatten wir alles schon. Sogar über mehrere Tage hinweg, nur eben nicht flächendeckend. Vielleicht ist auch gar nicht so entscheidend wann der Strom ausfällt, sondern warum und für wie lange. Ist ein Ausfall einer Unterversorgung von Rohstoffen geschuldet? Krieg? Bekommen wir das über andere Kanäle überbrückt, und zu welchem Preis?

    Was aber, wenn die Erde von heftigen Sonnenstürmen getroffen, in wenigen Momenten unsere gesamten technischen Errungenschaften gebraten würden? Das wäre dann tatsächlich ein Szenario, welches den Untergang der gesamten Zivilisation bedeuten könnte. Zumindest dessen Teil, der mit Strom aufgewachsen ist. Für den Rest ändert sich nüscht.

    In den meisten anderen Szenarien wären wie immer nur die betroffen, die den Preis nicht zahlen können. Oder das Pech haben, in der Warteschlange weiter hinten zu stehen.

    Würden sich dadurch Machtgefüge ändern? Ihr erinnert euch, es kommt darauf an. Wer verfügt denn in der Welt über große Rohstoffvorkommen? Wer trägt denn heute wirklich das Zepter in der Hand? Was sind wir bereit zu opfern im Tausch gegen etwas Strom? Technologien, Geld, regionale Produkte, das Klima?

    Was können wir tun um das Stromnetz nicht zu überlasten? Ich habe ja ein paar halsbrecherische Vorschläge versprochen.

    Anbieter könnten Mobilverträge mit hohem Datenverbrauch extrem teuer machen. Menschen die 25GB Datenvolumen im Monat brauchen, nur um (in der Regel) streamen zu können sollten nicht über die Sicherheit meiner Stromversorgung bestimmen dürfen.

    Die großen Tech-Giganten könnten, zumindest zeitweise, ihre Produkte so einrichten dass diese nur Daten verarbeiten, die zur Bereitstellung wirklich nötig sind. Soll bedeuten, weg mit Werbung und Tracking. Sie könnten so ebenfalls eine Menge Energie einsparen, Verantwortung übernehmen und sich langfristige Sympathien bei Kunden sichern.

    Energiehungrige Crypto Währungen? Was kann ich mir von denen im Falle eines Falles noch kaufen?

    Die Regierung könnte Auto-freie Sonntage festlegen, Inlandsflüge verbieten. Wenn schon Geld aus der Zukunft borgen, dann um Menschen jetzt die Erneuerbaren Energien für einen Spottpreis anzubieten.

    Wir könnten uns auf der Arbeit so verhalten, als müssten wir die Kosten für die Energie welche wir durch falsches Verhalten vergeuden, selbst zahlen. Ich denke da an einen Kollegen, der mit offenem Fenster die elektrische Heizung voll aufdreht, um nicht zu frieren.

    Könnte hätte täte. Lasst erst den Winter vorbeigehen.

    Ich habe meinen Beitrag geschrieben. An einem alten Rechner der sicher mehr Strom verbraucht als ein neuer, aber in jedem Fall mehr als ein Laptop oder Smartphone. Dabei habe ich Musik aus Kopfhörern gehört, zwischendurch dumme Anfragen auf ebay Kleinanzeigen beantwortet und Kaffee gekocht.

    Wir sind alle Teil des Großen Ganzen, unsere Probleme finden sich meist am anderen Ende des ausgestreckten Zeigefingers.

  • Holger: Digitalisierung – Fluch oder Segen?

    Ursprünglich wollte ich für dieses Thema erst mal fein recherchieren und Fakten sammeln. Anschliessend würde ich meinen Senf dazu geben. Nach viel Gegrübel, Getippse, Austausch mit meiner Familie und löschen von quasi schon fertigen Absätzen habe ich meine Meinung geändert und komme gleich zum Senf.

    Ich bin analog geboren und aufgewachsen. Ich kenne noch Fernsehen mit drei Programmen (die irgendwann Abends nur noch ein Testbild sendeten), leben ohne Telefon. Aber irgendetwas in mir war schon immer irgendwie… na, Computermäßig. Mich sprach die Musik von Kraftwerk an, als ich sie das erste mal hörte, den späteren 80er Elektro-Pop höre ich noch heute. Mein erster Computer war ein ZX-81. Als das Internet langsam aufkam, da hatte ich längst schon BTX und später den Luxus, mich über Compuserve in Hamburg als nächsten Knoten einwählen zu dürfen, im Minutentakt abgerechnet. Ich ahnte damals: Das hat Potential und alles, was da noch kommt, wird das Leben der Menschen verändern.
    Heute, vierzig Jahre nach meinem ZX-81, ist das Internet schon mehr als Alltag: Es ist Lebensbestandteil und in vielen Bereichen schlicht nicht mehr wegzudenken. Aber mich schaudert es bei dem Gedanken an solche Dinge wie SmartHome oder Autos, die nicht nur „nach Hause telefonieren“ sondern auch andersrum Befehle von jemand anderem als dem Eigner empfangen können. Ich bin mittlerweile wirklich unschlüssig. Ist die Digitalisierung ein Segen? Wikipedia, Openstreetmap, Linux etc. z.B. empfinde ich als Gewinn: Frei verfügbares Wissen für alle (wie heisst es doch: Lesen verhindert Herrschaftswissen). Und es gibt sogar OpenHardware, das ist so klasse wie konsequent!
    Aber warum ist es möglich, dass Kinder am Tablet ihrer Eltern durch bloßes Zocken deren Kreditkarte enorm belasten können, doch in der Schule muss man fürs gleiche Kind noch Kopiergeld bezahlen und die Tafel nass abwischen? Pornografie jedweder Art ist nur einige Mausklicks (bzw. Finger-Tabs) entfernt, ohne jede Einschränkung (außer vielleicht noch eine Bezahlschranke für einige, die den kostenlosen Content nicht schnell genug finden), aber Abmahn-Anwälte verklagen Blogger und andere brave Webseitenbetreiber massenhaft wegen (in meinen Augen) halbseidenen Copyright-Ansprüchen?
    Wie kann es sein, dass 93% der Deutschen (okay, das sind Fakten: Klick) WhatsApp nutzen, viele aber Probleme beim Lesen und Schreiben haben? (kein Link, beim Suchen kriegte ich schlechte Laune) Ist es möglich, dass anhand der Krankenversicherungkarte festgestellt werden kann, wer es „eher verdient hat“, in der Notaufnahme möglichst schnell behandelt zu werden? Warum freuen sich Menschen, wenn sie für eine „smarte“ Glühbirne 40 Euro bezahlen, wo ich mit 3,95 eine identische Ausleuchtung habe und kein Handy brauche, um das Licht einzuschalten? Es gibt einen sehr interessanten CCC-Vortrag über Smarthome und… ach, guckt selbst: Youtube-Link

    Warum muss jede Smartphone-Generation immer schneller werden? Warum nicht einfach „besser“ im Sinne von Menschlicher, dem Menschen unterstützend statt Geldaussaugend? Apropos Geld: Ich stehe total auf Bargeld: Ist es weg, habe ich kein Geld mehr. Mein Sohn findet Bargeld doof (dass „sein“ Geld dann Buchgeld heisst, das weiß er gar nicht, ist aber auch nicht wichtig…).
    Ja: viele der Google-Dienste sind echt erstaunlich und es grenzt an Magie, wenn man sein Handy einfach über einen fremdsprachigen Text halten kann und man sieht die Übersetzung. Wieviel Menschen ist aber klar, dass Google das nicht aus reiner Liebe macht und schon gar nicht kostenlos?
    Letztendlich kann man nur resignieren: Die großen Konzerne, die es verstanden haben, mit Daten Geld zu verdienen und einem gleichzeitig einbläuen, dass es ohne deren Hard- und Software nicht mehr gehen würde, die werden so weiter machen. Und keiner hat eine Chance: Wer sich davon fern hält ist ja trotzdem im System. Wenn von 100 Leuten 95 ein Feuerzeug anzünden, dann sieht man die ohne besonders gut. Facebook wird mich kennen, da brauche ich gar nicht wetten.
    Und ich prophezeie: Es wird schlimmer! Und weil alle mitmachen, ist es nicht mal ein Fluch, sondern der Lauf der Zeit, eben die schöne neue Welt.

    Verdammt: Ich wollte einen ausgewogenen Beitrag schreiben, der alle Seiten fair beleuchtet und es dem Leser überlässt, abzuwägen. Das ist mir bisher nicht gelungen. Deswegen kommen hier noch ein paar positive Aspekte der Digitalisierung:
    Durch die Verbreitung des Internets, durch die digitale Datenerfassung und den „neuen“ Medien wie eMail, Chat, Video-Konferenzen sind mobile Arbeitsplätze möglich geworden. Und das muss kein Home-Büro sein, auch wenn es immer so genannt wird (oder ehemals Neudeutsch: Telearbeitsplatz). Natürlich ist das z.B. bei handwerklichen Tätigkeiten nicht möglich, aber auch hier gibt es Erleichterungen für den Durchschnittsbürger: Preisvergleiche und Terminabsprachen sind von daheim (von überall) zu eigentlich jeder Zeit möglich. Diese Vorteile gelten auch für den Handwerker. Natürlich ist dann Wucher auch nicht mehr so leicht möglich, aber das ist sicher mehr Segen als Fluch.
    Ganz allgemein hat die Online-Kommunikation die Welt enger zusammenrücken lassen, im positiven Sinn: Wissenschaftler, Journalisten, Politiker können sich über die Kontinente hinweg austauschen, samt quasi überall verfügbarer, passender Daten. Das bringt bessere Erkenntnisse in kürzerer Zeit.
    In der Medizin wurden und werden dank EDV enorme Fortschritte erzielt. Schon die „Kleinigkeit“, dass Röntgenaufnahmen einfacher, günstiger herzustellen sind und quasi sofort verfügbar, ist ein großer Schritt zur korrekten Diagnose und Behandlung von Leiden (siehe auch: CT). Die Modellierung und Anpassung von mRNA-Impfstoffen wäre ohne den digitalen Zugriff gar nicht möglich.
    Ob die so genannten Gesundheits-Apps Fluch oder Segen sind, mag ich gar nicht beurteilen. Sicher ist vieles eher Voodoo und Marketing als Diagnose und Therapie, aber wenn Menschen dadurch mehr Schritte am Tag machen, kann es nicht schaden (Ich selbst konnte bisher dem (durchaus starken) Drang widerstehen, solche eine „Uhr“ zu erwerben).
    Und dann gibt es noch diese vielen Kleinigkeiten wie 3D-Druck, der schon fast Gesellschaftsfähig geworden ist (ein paar nerdige Hürden gibt es noch) und ungeahnte Möglichkeiten der Gestaltung bietet (auch für Handwerker, die vieles auch „herkömmlich“ formen und gestalten können) oder, apropos Druck: Bücher! Nun kann jeder ohne große Hürden (s)ein Buch herausbringen: Ein Segen für die Autoren, kein Fluch für die Leser, denn sie müssen es ja nicht lesen… ach ja, die digitalen Medien: Ob die Möglichkeit, durch jeden jederzeit ein Video zu erstellen und „der Welt“ zur Verfügung zu stellen, Fluch oder Segen ist, würde vermutlich einen eigenen Artikel füllen.

    Gibt es ein Fazit? Nein, aber dieses zum Schluss: Dieses ganze Abwägen der Vor- und Nachteile scheint ja selbst schon recht digital: 1 oder 0, gut oder schlecht. So einfach ist es aber nicht, will man alles betrachten. „Big Data“ ist z.B. ein Schlagwort, welches nun eine eher negative Anhaftung besitzt als ursprünglich gedacht. Aber wir wollten das Thema ja eh philosophisch statt technisch betrachten, oder?
    Dass diese ganze Beschleunigung der Anfang vom Ende der Erde, wie wir sie kennen, ist, steht auf einem anderen Blatt. Und die Digitalisierung ist da ja nicht mal die Ursache sondern nur das Mittel. Zum Glück ist das noch etwas hin, da können sich Gretas Kinder drum kümmern…

    (Wortanzahl: 1111)

  • Daniel | Digitalisierung – Fluch oder Segen?

    Die erste Person, an die ich beim heutigen Titel denken musste, war meine Schwiegermutter. Die schimpft nämlich gerne über diese sch* Handy’s, dass die Leute nichts mehr anderes im Kopf haben als diesen Mist; nur um es sich im Anschluss selbst auf ihrem Sessel bequem zu machen und sich mit ihrem Tablet die neuesten Kochrezepte rauszusuchen. Die Wahl ihrer Worte sei ihr verziehen, aber ein kleiner Funken Wahrheit ist auch darin enthalten.

    Befragt man Wikipedia, ein digitales Nachschlagewerk, nach dem Begriff Digitalisierung, dann wird einem erklärt dass der Begriff ursprünglich einen Übergang vom Analogen, von physich greifbaren Dingen, hin ins Digitale, physich nicht mehr greifbar, umschreibt. Einen direkten Vergleich dazu kann ich auch gleich liefern. Diesen Text schrieb ich am 30 Oktober 2022, dem Tag der Zeitumstellung. Alle Uhren in meinem Haushalt haben sich automatisch auf die neue Uhrzeit umgestellt, nur unsere alte Küchenuhr nicht. Sie ist ein Relikt aus vergangenen Tagen, funktioniert rein mechanisch und kann genau eine Sache. Sie ist analog, es braucht jemanden jemanden der sie umstellt.

    Als krasser Vergleich können wir mit unserem neuen Telefon, neben so Kleinigkeiten wie die Uhrzeit automatisch einstellen zu lassen, E-Mails abzurufen, Radio zu hören, RSS Feeds anzuzeigen, Smarte Geräte im Haushalt zu steuern und das WLAN ausschalten auch noch so ganz nebenbei telefonieren. Zwar ist das Telefon selbst noch greifbar, liefert aber eine Menge digitaler Dienste die nicht mehr direkt physisch in meinem Haushalt vorhanden, nicht greifbar sind. Die Email ersetzt den Brief, der RSS Feed die Zeitung.

    Bleiben wir beim Vergleich zwischen Uhr und Telefon. Die Uhr tut nichts anderes als den lieben langen Tag die Zeit anzuzeigen, solange bis die Batterien leer sind. Ich nehme sie maximal dreimal im Jahr in die Hände; zweimal um die Zeit umzustellen, einmal um die Batterien zu wechseln. Sonst kümmert sich kein Mensch mehr darum, das Produkt wird so weiter funktionieren, bis es das Ende seiner Lebensspanne erreicht hat.

    Das Telefon ist nicht nur einfach ein Telefon, es ist ein Computer. Ein hoch komplexes technisches Gerät das viele Funktionen in sich eint, für die früher mehrere Geräte benötigt wurden. Um diese Dienste anzubieten braucht es eine gewisse Infrastruktur, die frisst Energie. Um zu fuktionieren braucht das Telefon Software. Die ist fehleranfällig, muss gewartet und aktualisiert werden. Neben der Infrakstruktur, für die genaue Angabe der Uhrzeit aber auch der vielen Zusatzfunktionen, die am Laufen gehalten werden muss, erfährt auch das Telefon eine Menge Zuwendung, beschäftigt damit viele Menschen.

    Ja aber was soll jetzt der dämliche Vergleich mit einer ollen Wanduhr und einem Telefon? Äpfel mit Birnen? Gut, nehmen wir die Apple Watch. Eine Armbanduhr, aber auch ein Computer. Neben GPS, Unfall- und Temperaturerkennung, Pulsmesser und hast du nicht gesehen kann man damit auch telefonieren und sogar bezahlen. Als kleines Schmankerl obendrauf zeigt das Ding sogar die Uhrzeit an. Sie ist digital, hat statt Zahnrädern einen Prozessor und ein Display.

    Wo bleibt denn jetzt der Bezug zum eigentlichen Thema? Ob Fluch oder Segen muss doch jeder für sich selbst entscheiden. Der eine ist mehr Technikaffin, der andere weniger. Soweit richtig, aber auch nicht ganz.

    Einen, eher kritischen Teil, habe ich bereits erwähnt. Die Infrastruktur die nötig ist um die genannten Funktionen bereit zu stellen. Sie ist angreifbar, wird leider oft nur schlecht gewartet und frisst dazu noch Unmengen an Energie. Wir graben tiefe Narben in die Erde um an die seltenen Erden zu kommen, welche die Infrastruktur und die Endgeräte erst ermöglichen. Betreiben Kohlekraftwerke und andere umweltschädliche Energierzeuger um uns Katzenvideos anschauen zu können. Ganz nebenbei machen wir alle uns durch die Nutzung solcher Hardware gläsern, da alles protokolliert und verarbeitet wird. Oft genug alleine zum Zweck der Gewinnoptimierung, aber unter dem Vorwand dem Kunden bessere Dienste anbieten zu können.

    Diese Dienste sind der zweite Teil, etwas was man ebenfalls in den Begriff Digitalisierung vereint und welche schon heute Millionen Menschen auf der ganzen Welt zusammenbringen. Soziale Netzwerke, Online Tauschbörsen, Webshops, Videoportale und so weiter. Auch da spaltet sich die Gesellschaft, vor allen Dingen in den Sozialen Netzwerken.

    Soweit zum Fluch, jetzt zum Segen.

    Medizin und Forschung: Die Möglichkeit sich mit anderen Forschenden auf der ganzen Welt auszutauschen eröffnet völlig neue Möglichkeiten, liefert Erkenntnisse die so vorher jeder für sich selbst hätte erlangen müssen, oder die sich schlimmstenfalls nicht verbreitet und somit nur einem kleinen Teil geholfen hätten. Die Digitalisierung bietet in vielerlei Hinsicht völlig neue Behandlungswege.

    E-Sports: Menschen treffen sich mit anderen Menschen über geologische, religiöse und kulturelle Grenzen hinweg, am anderen Ende der Welt, um zu zocken und sich in Meisterschaften zu messen.

    Information: Über verschiedene Dienste wird es uns ermöglicht, quasi Live dabei zu sein, wenn entscheidende Dinge auf der Welt passieren. Wie der Sturm auf das Kapitol, Feuergefechte in der Ukraine, der mutige Kampf der Frauen im Iran oder der Geburtstag der Oma. Besonders während der Pandemie hat sich gezeigt, dass Videokonferenzen Wege sparen, den Datenaustausch aus der Ferne mit vielen Beteiligten vereinfacht. Bürogebäude werden obsolet, was Energie und Zeit sparen kann.

    Klima: Ein kleines Mädchen aus Schweden schafft es eine weltumspannende Bewegung ins Leben zu rufen. Mit einem Stück Pappe, einer Botschaft und einem einzelnen Menschen der sie fotografiert und damit ihre Nachricht verbreitet.

    Derlei Beispiele gibt es unzählige. Alle haben sie gemein dass sie unsere Gesellschaft, unser gesamtes Weltbild, mal mehr mal weniger positiv beeinflussen.

    Wie immer gibt es natürlich Grauzonen. Würden wir alle keine Zeitungen mehr kaufen, sondern die Nachrichten, den Klatsch und die neuesten Infos aus der Gemeinde nur noch Digital lesen, könnten wir auf einen gewissen Teil der Infrastruktur verzichten. Es bräuchte kein Papier mehr das bedruckt werden würde, nicht die Druckerei und auch nicht den ganzen Rattenschwanz der dahinter hängt um dir und mir das neueste Werbeblättchen in den Briefkasten zu spülen. Von der anschließenden Entsorgung nach diesem recht kurzem Leben mal abgesehen. Dadurch liesen sich vielleicht etwas Energie einsparen, die Umwelt schützen, Ressourcen schonen. Die Infrastruktur würde auf einer Seite ab, auf der anderen ausgebaut werden. Wie viele Menschen würden dadurch arbeitslos werden, welche Berufe aussterben? Vielen würde die Lebensgrundlage entzogen, der gesellschaftliche Abstieg bereitet werden. Es mag gute Gründe für noch mehr Digitalisierung geben, sie birgt aber auch Konfliktpotenzial. Sie spaltet Teile der Gesellschaft, schürt Ängste vor der Zukunft und lässt die außen vor, die aus verständlichen Gründen nicht bereit sind diesen Weg zu gehen oder es nie gelernt haben.

    Auf die Frage, ob Digitalisierung ein Fluch oder doch eher Segen ist, möchte ich gerne so antworten, wie es vor allen Dingen Rechtsverdreher sehr gerne tun: Es kommt darauf an!

    Der Begriff Digitalisierung ist neutral, beschreibt den Übergang von einem in das andere. Entscheidend ist zu welchem Zweck wir sie letztendlich nutzen und ob wir klug genug sind, sie zukunftssicher(nd) einzusetzen. Sie birgt Potential, macht uns aber auch angreifbar, schafft neue Abhängigkeiten und spült am Ende doch wieder nur zu viel Geld in die falschen Taschen. Denn auch das ist ein Teil der Wahrheit; das Unternehmen die Digitalisierung, zumindest in Teilen, in ihrem Sinne, abgestimmt auf ihre eigene Produktpalette, vorantreiben. Um diese besser verkaufen zu können, um Marktführer zu sein, um sich selbst zu bereichern.

  • Digitalisierung – Fluch oder Segen?

    Wir drei von Halbweise (Alex, Holger und Daniel) haben uns die Aufgabe gestellt, ein kleines Essay über das Thema „Digitalisierung – Fluch oder Segen?“ zu schreiben und hier zu veröffentlichen. Und zwar ohne, dass man jeweils die Beiträge der anderen beiden vorher kennt!
    Zieldatum ist morgen Abend: Ab ca. 22:00 Uhr werden hier unsere Beiträge erscheinen. Ich glaube, wir sind alle schon gespannt, was dabei rauskommt…